Wieso SPD


2014 hatte ich einen Unfall, der mein ganzes Leben veränderte. Von einem Tag auf den anderen war ich auf den Rollstuhl angewiesen. Und plötzlich bestand mein Leben aus Barrieren

Mein Schlüsselmoment kam, als meine jetzt 17 Jährige Tochter eineinhalb Jahre alt war. Wir waren zum ersten Mal ganz allein auf einem Spielplatz. Sie wollte schaukeln, aber rund um die Schaukel lagen Hackschnitzel, die ich mit dem Rollstuhl nicht überwinden konnte. Sie fing an zu verzweifelt und zu weinen, und ich stand daneben, unfassbar wütend über diesen vermeidbaren Bodenbelag. In diesem Moment dachte ich zum ersten Mal: Wenn ich als Mutter schon so ausgebremst werde, wie geht es dann erst Kindern mit Behinderung? Ich erinnerte mich an meine Reisen nach USA, an dieses Gefühl von Freiheit, an eine Selbstverständlichkeit ohne Barrieren – wo Hindernisse verschwanden, bevor ich etwas sagen musste, wo Menschen mich nicht anstarrten, sondern einfach normal an mir vorbeigingen; eine Normalität, die unbeschreiblich war und die ich mir in Deutschland so sehr wünsche

Ich fing an, mich aktivistisch zu engagieren, laut zu werden, Missstände konsequent zu benennen. Und je mehr ich kämpfte, desto stärker wuchs auch mein politisches Interesse. Ich habe Politik immer schon aufmerksam verfolgt, aber jetzt wurde mir klar: Wenn ich Veränderungen will, muss ich sie politisch einfordern.

Zu dieser Erkenntnis kamen viele Erfahrungen, die mich zusätzlich geprägt haben:
In drei Schwangerschaften wurde ich die letzten 2 Monate, für jede Untersuchung ins Krankenhaus eingewiesen, weil keine Praxis mehr in der Lage war, mich barrierefrei zu betreuen.
Ich konnte bestimmte Feste und Veranstaltungen nicht besuchen weil sie nicht barrierefrei waren. Meine Kinder mussten mit mir früher nach Hause, weil es keine Toiletten gab. Wir mussten auf unglaublich viel verzichten – nicht, weil wir es nicht wollten, sondern weil ich ausgeschlossen wurde. Weil Barrierefreiheit immer noch als optional betrachtet wird. Doch meine Probleme sind sehr klein gegenüber die von anderen Menschen mit Behinderung und ich fand mein Warum. “Damit zukünftige Generationen nicht diese Ausgeschlossenheit, Demütigungen und psychische Grausamkeiten erleben müssen.

All das führte dazu, dass ich irgendwann verstand: Aktivismus allein reicht nicht. Man redet viel, aber strukturelle Veränderungen passieren zu selten. Und so bin ich 2020 in die SPD eingetreten. Die Partei, die ich schon immer gewählt hatte und deren Werte und Geschichte mich tief geprägt haben.

In der Kommunalpolitik und der Arbeitsgemeinschaft Selbst Aktiv bringe ich mich mit voller Kraft ein. Ich habe für Gesetzesänderungen gekämpft, unzählige Gespräche geführt und viele Betroffene getroffen. Eine Frau erzählte mir dass sie 6 Monate im Bett lag weil die Krankenkasse den benötigten Rollstuhl ablehnte. Eine andere Frau die so gerne ein Kind hätte, dies aber nie möglich sein wird, weil andere über ihren Körper bestimmten und sie sterilisieren ließen. Genossen die gerne Politik machen würden, aber die Räumlichkeiten es nicht zulassen. Hochstudierte Menschen die wegen fehlender Barrierefreiheit keine Arbeit finden. Ein junger Mann erzählte mir, dass er bis heute Panikattacken bekommt, wenn er einen Spielplatz sieht, weil er als Kind nie mitspielen konnte, sondern zu gucken musste wie andere Kinder spielten.

Diese Geschichten treiben mich an immer weiter zu machen, weil ich weiß für was/wen ich das tu.


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